Was war da beim Fechten los? Umstrittene Fechtregeln – Britta Heidemann vs. Shin A Lam Olympia Halbfinale

Der entscheidende Treffer von Britta Heidemann gegen Shin A Lam

Beim Olympia-Halbfinale zwischen Britta Heidemann und der Koreanerin Shin A Lam kam es zu merkwürdigen und umstrittenen Szenen. Mehrfach wurde die Uhr bei einer Sekunde angehalten, drei Mal wurde nach einem Doppeltreffer neu gestartet. Als Heidemann schließlich den entscheidenden Treffer setzte, protestierten die Koreaner und es folgte eine 75-minütige Diskussion. Was war da los? Der Guru erklärt es dir!

Zunächst muss man eines vorweg schicken – Fechtregeln sind sehr kompliziert. Die Ausgangslage vor der denkwürdigen Ewig-Pause im Halbfinale von Olympia sah so aus:

Nach der regulären Kampfzeit von drei Mal drei Minuten stand es 5:5. Jetzt gilt eine sehr skurrile Regel, die besagt dass eine der beiden Kämpferinnen per Los einen Vorteil erhält. Im Halbfinale war das die Koreanerin Shin A Lam. Die muss jetzt nur noch verteidigen, also dafür sorgen, dass Britta Heidemann keinen Punkt mehr bekommt. Heidemann wiederum muss unbedingt noch einen Treffer landen, sonst gewinnt Lam durch den Vorteil.

Der Kampf wird um eine Minute im "Sudden Death" verlängert. Das bedeutet, ein Einzeltreffer beendet den Kampf sofort, egal wer ihn macht. Die nächsten 59 Sekunden passiert nichts spektakuläres. Aber dann: Innerhalb einer Sekunde gibt es drei Doppeltreffer. Beide Kämpferinnen machen also so schnell nacheinander einen Punkt, das nicht festzustellen ist, wer schneller war. Im "Sudden Death" werden Doppeltreffer ignoriert.

 

Was passierte vor dem letzte Treffer von Britta Heidemann?

Britta Heidemann wartet auf das Urteil
Britta Heidemann wartet auf das Urteil

Vor dem letzten Treffer von Britta Heidemann war sich Shin A Lam schon sicher, dass sie den Kampf gewonnen hatte. Denn Heidemann hatte ja innerhalb der "Sudden Death"-Minute keinen Einzeltreffer mehr geschafft. Sie nahm die Maske ab, verstand die Entscheidung nicht, dass noch einmal eine neue Kampfsituation entstehen sollte. Ihr Trainer beschwerte sich lautstark darüber, dass innerhalb einer Sekunde drei Aktionen stattfinden sollten. Hier gehen die Meinungen, warum die Uhr erneut auf eine Sekunde zurückgesetzt wurde ein wenig auseinander, da es bislang noch kein offizielles Statement gibt.

 

Möglichkeit 1: Regelübertritt der Koreanerin

Shin A Lam ist völlig fertig mit den Nerven
Shin A Lam ist völlig fertig mit den Nerven

Die BBC schreibt in ihrem Kampfbericht, dass Sin A Lam beim letzten Doppeltreffer einen Regelverstoß begangen hat. Sie soll die Matte unerlaubt nach hinten oder zur Seite verlassen haben. Da kein Gefecht mit einer Bestrafung der Siegerin (die sie wegen der Vorteilsregel ja wäre) beendet werden kann, wurde die Uhr wieder auf eine Sekunde zurückgesetzt. Sollte das der Fall gewesen sein, ist Heidemanns Siegtreffer natürlich korrekt. Warum der Regelverstoß nicht eindeutig kommuniziert wurde ist aber nicht nachvollziehbar.

 

Möglichkeit 2: Die Uhr springt zurück

"Das war ein klarer Treffer von mir", sagt Britta Heidemann. "Leider haben wir keine genaue Zeitmessung mit Kommazahlen. Aber die Regel besagt, dass nach klarem Treffer die Uhr wieder auf eine Sekunde zurückspringt." Zu klaren Treffern zählen auch Doppeltreffer, weswegen auch nach dieser Regelauslegung alles korrekt abgelaufen ist.

 

Das ewige Drama bis zur endgültigen Entscheidung

Shin A Lam wartet weinend auf der Bahn
Shin A Lam wartet weinend auf der Bahn

Was danach folgte war eines Olympia-Halbfinales nicht würdig. Der koreanische Trainer legte sofort Protest ein. Klar: Seine Athletin hatte verloren, drei Aktionen in einer Sekunde (ohne Zurückstellen der Uhr) sind tatsächlich unrealistisch. Um den Protest gültig zu machen, musste er außerdem eine Gebühr bezahlen. Über den Protest wurde fast eine halbe Stunde debattiert, danach stand der Sieg von Britta Heidemann fest.

Trotzdem blieb sie arme Shin A Lam nun ewig lang (ca. 70 Minuten) am Rande der Bahn sitzen. Warum? Ein Ansager verkündete: "Wenn Frau Lam die Bahn verlässt, akzeptiert sie die Entscheidung des Kampfgerichts." Also ihre Niederlage. Da die Koreaner aber noch zusätzlich schriftlichen Protest eingelegt hatten, blieb sie natürlich dort. Erst als die Zuschauer das Kampfgericht ausbuhten wurde sie erlöst und durfte ohne Konsequenzen die Bahn verlassen. Dann stand auch erst endgültig fest, dass Heidemann gewonnen hatte. Was für ein Chaos!

 

Hier gibt es das Fecht-Durcheinander im Clip

Leider ist die Qualität eher mies. Aber das Wichtigste kann man erkennen.