Spanien-Stürmer Jesus Navas

Jesus Navas zieht gern auf dem rechten Flügel dynamisch nach vorne.

Jesus Navas ist keiner der ganz großen Stars im Nationalteam Spaniens. Dennoch hat er in der "Seleccion" bei seinen meist kurzen Einsätzen schon entscheidende Tore erzielt oder mit vorbereitet. Zuletzt bei der EURO, als er im Gruppenspiel gegen Kroatien kurz vor Schluss zum 1:0 traf. Ungewöhnliche, aber schwerwiegende seelische Probleme verhinderten lange den großen Durchbruch dieses Top-Fußballers …

Mega-Talent: Begonnen hat der schüchterne Fußballer seine Karriere in seinem Heimatort Los Palacios y Villafranca. Dort spielte er, bis er 14 war. Dann entdeckten ihn die Talentspäher des FC Sevilla. Sevilla ist rund 30 Autominuten von Navas’ Geburtsort entfernt – und so wechselte Jesus zu dem großen Klub – gemeinsam mit seinem Bruder Marco. Der ist drei Jahre älter als Jesus, allerdings als Fußballer nicht ganz so talentiert. Marco spielt zurzeit beim FC Elche in der zweiten spanischen Liga.

Rasanter Aufstieg: Jesus entwickelt sich beim FC Sevilla schnell zu einem Top-Spieler. Als Youngster wird er auch in die Jugendnationalteams Spaniens berufen. Und mit dem FC Sevilla erringt er 2006 und 2007 – da ist Jesus Navas 21 bzw. 22 Jahre alt – auch international erste große Erfolge. Zwei Mal gewinnen sie den UEFA-Cup (heute Europa League) und schlagen als UEFA-Cup-Sieger im europäischen Supercup 2006 sogar CL-Sieger FC Barcelona. Doch die Zeit seines Aufstiegs ist zugleich auch eine ganz schwere Zeit für den unsicheren jungen Spieler …

 

Seelische Krise

Jesus Navas 2008 vor einem Spiel mit dem FC Sevilla.
Jesus Navas 2008 vor einem Spiel mit dem FC Sevilla.

Panik im Trainingslager: 2005 hält der FC Sevilla ein Trainingscamp in Cartaya in der Region Huelva ab. Ca. 100 Kilometer ist die Ortschaft entfernt von Navas’ Zuhause. Auf einmal springt der Profi mitten in einer Teambesprechung auf, rennt weg. Zunächst weiß keiner, was los ist. Erst als er nach einiger Zeit nicht wieder zurück ist, beginnen Betreuer, ihn zu suchen. Und finden ihn in einem Feld in der Umgebung. Navas wirkt verstört und orientierungslos. An diesem Tag wird zum ersten Mal offensichtlich, dass Navas ein ernsthaftes Problem hat. Ist er weit von zu Hause weg, leidet er so stark, dass er Angstattacken bekommt. Extreme körperliche Unruhe und Schweißausbrüche befallen ihn dann. Damit ist nicht zu spaßen, Navas ist seelisch krank. Und die Krankheit zwingt ihn, Abstriche bei seiner Karriere zu machen …

Erneute Flucht: Denn der Vorfall von Huelva wiederholt sich kurze Zeit später. Da flieht er aus einem Trainingslager mit der U 21 Spaniens im spanischen Murcia. Danach zieht er Konsequenzen: Nach 5 Einsätzen für die U 21 legt er seine Karriere für Spanien erst mal auf Eis. Auch ein Wechsel zu einem anderen Klub kommt für ihn nicht infrage. Angebote gibt es genug. So will der FC Chelsea 2006 den starken Dribbler holen, und in den Jahren darauf klopfen immer wieder Real Madrid und Barca bei ihm an. Aber: Selbst ein Wechsel innerhalb von Spanien ist für ihn undenkbar …

 

Top im Klub, Happy End im Nationalteam

Leistungsträger: Bei seinem Klub jedoch fühlt er sich rundum wohl. Dort kümmert man sich um ihn, stellt ihm Psychologen als Ansprechpartner zur Verfügung, bucht sogar Trainingslager gezielt in der Nähe. Und: Bei Auswärtsspielen werden nach Möglichkeit immer die gleichen Routen gefahren und dieselben Hotels gebucht. Und Navas zahlt es zurück mit immer stärkeren Leistungen. In den Saisons 2007/08 und 2008/09 kommt er auf insgesamt 9 Tore und starke 23 Assists. Für ihn persönlich das Wichtigste ist jedoch: Er arbeitet an seinem Heimweh-Problem, nimmt psychologische Hilfen in Anspruch. Mit Erfolg…

Debüt im Nationalteam: Am 5. November 2009 erklärt er öffentlich, für das Nationalteam auflaufen zu wollen. Am 14. November ist es dann so weit: Im Freundschaftsspiel gegen Argentinien in Madrid wird er rund zehn Minuten vor Schluss für Andres Iniesta eingewechselt. "Der Augenblick, als ich mit der Unterstützung der Mannschaftskollegen und den Anfeuerungen der Zuschauer das Spielfeld betrat, war atemberaubend. Diesen Moment werde ich nie vergessen", sagt er danach. Im Vorbereitungsspiel zur WM 2010 gegen Südkorea trifft er dann auch zum ersten Mal. Jesus Navas ist jetzt angekommen im Nationalteam. Er fährt mit zur WM 2010 nach Südafrika – für ihn "Traum und Alptraum zugleich" – und kommt dort drei Mal zum Einsatz. Im Finale gegen Holland leitet er das Siegtor von Andres Iniesta in der Verlängerung durch einen Flügellauf über die rechte Seite ein.

Lob vom Trainer: Inzwischen kommt Navas auf 20 Einsätze im Nationalteam, meistens wird er eingewechselt. 2011 wirft ihn eine Verletzung etwas zurück. Trainer Vincent del Bosque sagt über ihn: "Er ist sehr emotional auf dem Platz, und er hat diese Freude, immer neue Sachen zu probieren." Und Navas fühlt sich wohl im Kreis der Kollegen :"Das Wichtigste ist die Gruppe, das Kollektiv, die Einigkeit in der Kabine", sagt er.

 

Und alles wird gut …

Jesus Navas bejubelt sein Tor gegen Kroatien bei der EM 2012.
Jesus Navas bejubelt sein Tor gegen Kroatien bei der EM 2012.

Privates Glück: Sein Heimweh hat Jesus nun besser im Griff. Trotzdem ist die Familie immer noch das Wichtigste für ihn. Im Herbst 2011 heiratet er seine Alejandra, die er sei Kindheitstagen kennt. Verrückt: Bis dahin wohnte der viele Millionen Euro verdienende Profi noch bei seinen Eltern. Nun ist er selbst Vater: Alejandra brachte kürzlich einen Jungen zur Welt. Mit seinem Nuckeljubel nach dem Treffer gegen Kroatien zeigte er seinen Stolz aller Welt.

Jesus Navas hat – so scheint es – endgültig die Kurve bekommen: sportlich und privat. Dennoch: Er braucht nach wie vor den sicheren Hafen "Familie" und seine Heimatstadt. Kein Wunder, dass er 2011 seinen Vertrag beim FC Sevilla um weitere vier Jahre bis 2015 verlängert hat. Da können Barca, Real und Co. noch lange anklopfen …