Götze lässt Kritik kalt

Mario Götze stört sich nicht an seinen Kritikern.

Mario Götze ist im bisherigen Turnierverlauf (noch) nicht die prägende Figur im deutschen Team. Unauffälligen Auftritten folgten bisher immer umso lässigere, manche sagen arrogante, Auftritte in den Stadien-Katakomben und im Campo Bahia. Doch die aufkommende Kritik an seiner Person lässt den bisher teuersten Bundesliga-Transfer nach vollmundigen Ankündigen vor der WM kalt.

von David Vorholt

Mario Götze war in der Bundesliga bereits ein gefeierter Youngster, zeigte im Trikot des BVB Woche für Woche überragende Leistungen, als sein Stern auch im DFB-Dress aufging. Im Länderspiel zwischen Deutschland und Brasilien debütiert Götze im August 2011 in Jogi Löws Startelf. Das Spiel gegen den fünfachen Weltmeister endet 3:2 – bester Mann auf dem Platz ist in 90 ereignissreichen Minuten eben jener Mario Götze.

Zwei Torvorbereitungen, ein selbst erzielter Treffer und jede Menge fußballerische Eleganz des damals 19-Jährigen gepaart mit technischer Finesse versetzen das ganze Land ins "Götze-Fieber". Der Spitzname "Götzinho" ist geboren, denn die vorherschende Meinung nach dem Spiel ist, dass der BVB-Youngster brasilianischer gespielt hat, als alle "richtigen" Brasilianer zusammen. Götzes Weg nach ganz oben setzt sich fort. Es folgt das überragende Double mit dem BVB in der Saison 2011/12 und im Jahr darauf eine Traum-Saison in der Champions League, in der Götze und der BVB das Finale gegen den FC Bayern erreichen. Bei der 1:2-Pleite der Schwarz-Gelben sitzt das Jahrhundert-Talent verletzt auf der Tribüne. Sein Rekord-Wechsel zu großen Konkurrenten aus München steht da bereits fest.

In Dortmund verhasst, durchlebt Götze unter Pep Guardiola eine durchwachsene Saison in München. Zwischen Bank und Startelf pendelnd, zeigt Götze mal starke, mal schwache Leistungen. Eine Standort-Bestimmung seiner Rolle nach seinem ersten Jahr beim FC Bayern scheint auf den ersten Blick schwierig. Einerseits gilt Götze weiter als das Talent im deutschen Fußball, andererseits werden die kritischen Stimmen lauter. Götze sei weniger Fußballer als Marken-Botschafter heißt es spätestens nachdem der Dribbel-Künstler bei seiner offiziellen Vorstellung in München ein T-Shirt seines Ausrüsters Nike trägt. Mitbesitzer der FC Bayern AG ist Konkurrent adidas. Das hinter Götzes Auftritt Kalkül steckte ist wohl unstrittig.

In Folge ist aus "Götzinho" das Rätsel Götze geworden. Kritiker halten dem Ex-Dortmunder Trotz seiner mäßigen Saison in München war die Nominierung für den 23-köpfigen WM-Kader von Jogi Löw fest eingeplant und das Bayern-Juwel sparte vor dem Turnier nicht mit großen Ankündigungen. "Ich will hier in Brasilien zeigen, was ich kann", so Götzes Ansage vor dm Turnier. Bisher zeigte Götze über weite Strecken nicht alles, was er ja zweifelsohne kann. Gegen Ghana gelang ihm zwar ein Treffer und die "Man of the Match Trophäe" gab es oben drauf, doch davon, dass Götze bisher das deutsche Spiel bei der WM entscheidend geprägt und mitgestaltet hat, kann keine Rede sein.

Seine oft halbherzig wirkenden Auftritte auf und neben dem Platz machen es Kritikern einfach, sie bieten Angriffsfläche. Der Stamm der Götze-Kritiker ist angewachsen im Laufe des Turnier, genau wie der von Mittelfeld-Partner Mesut Özil, der bisher ähnlich ineffektiv agierte. An die Spitze der Götze-Kritiker setzte sich zuletzt Günter Netzer. Der Weltmeister von 1974 watschte Götze mit den Worten "eine einzige Enttäuschung" ab. Nicht wenige vermuten hinter Götzes fußballerisch mäßigem Jahr falsche Karriere-Prioritäten. Sein Image als Star der Teenies in den soziaen Netzwerken und als Werbeträger genießt für viele mittlerweile einen höheren Stellenwert als sein Hauptjob Fußball – laut den Kritikern merkt man dem Bayern-Star das vermehrt auch während der WM-Spiele an.

"Ich weiß, was ich kann. Der Bundestrainer weiß es auch. Man versucht natürlich, immer auf allerhöchstem Niveau spielen. Ich glaube dennoch, jeder Spieler hat mal eine schlechte Halbzeit, schlechte Minuten oder schlechte Phasen. Das ist nur menschlich verteidigt sich Götze im Interview mit der "Bild" und auch von der hammerharten Netzer-Schelte lässt er sich nicht beeidrucken: "Das ist seine Meinung", kontert der aktuelle dem ehemaligen Nationalspieler.

Die Weltmeisterschaft bietet Götze im Idealfall noch zwei Spiele, um zu zeigen, dass er auch im aktuellen Löw-Team eine wichtige Rolle spielen kann und dass er die Erwartungen erfüllen kann, die Fans, Experten und letztlich er selber an sich stellen – die Erwartung, im entscheidenden Moment den Unterschied machen zu können. Das Potenzial ist ohne Zweifel da, Götze muss es aber auch wieder abrufen. Der ideale Zeitpunkt wäre jetzt, denn mit einer auch persönlich erfolgreichen WM würde Götze mit mächtig Rückenwind nach München zurückkehren, wo keinesfalls leichtere Aufgaben auf ihn warten.

Aber beim FC Bayern scheinen sie weiter an ihre 37-Mio-Investition zu glauben. "Die Öffentlichkeit muss einfach akzeptieren, dass es im Leben eines jungen Menschen auch mal eine Zwischenphase gibt, man darf so etwas nicht immer gleich als Tragödie titulieren", sagte FCB-Sportdirektor Matthias Sammer der "SZ" und führt an: "Ich weiß, was Mario kann, daran hat sich nichts geändert. Ihm steht hier bei uns alles offen, aber er muss jetzt auch durch das Stahlbad durch, das habe ich ihm schon oft gesagt." Lobende Worte, doch zwischen den Zeien fordert Sammer im Kern das Gleiche wie alle anderen: Leistung und Leidenschaft!