GER vs. SWE – die Analyse

Deutschland kassiert in der Nachspielzeit das 4:4.

So ein Spiel hat die Fußball-Welt noch nicht gesehen. Eine Stunde dominieren die Deutschen Schweden nach Belieben – dann kommt der Untergang. Noch krasser können Fußball in Perfektion und eine Demontage ersten Grades nicht aufeinanderprallen. BRAVO Sport ist auf der Suche nach den Gründen!

 

60 Minuten Fußball-Gala

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Eine Stunde lang zeigt Deutschland, wozu diese Mannschaft im Stande ist. Hoher Ballbesitz, grandioses Kombinationsspiel, tolle Flugbälle auf die Außen, stürmende Verteidiger, Effizienz im Abschluss – Offensivfußball in Perfektion. Es ist vielleicht die beste Halbzeit unter Bundestrainer Löw. Die DFB-Auswahl spielt sich in einen Rausch – Zuschauer, Experten und das Trainerteam sind begeistert. Doch dann, dann kommt der Fall. Aber warum nur? Eine Antwort wissen weder Spieler noch der Trainer nach dem Spiel. Aber eines ist allen klar: So etwas darf nicht passieren!

 

Schweden ändert die Taktik

Kim Kallström
Kim Kallström

Die defensive 4:4:2-Taktik der Schweden geht in der ersten Halbzeit voll in die Hose. Das registriert auch Trainer Hamren. Er bringt mit Kim Källström und Alexander Kacaniklic zwei neue Spieler und wechselt in ein wesentlich offensiveres 4:1:3:2. Schweden attackiert nun mit fünf Spielern weit vorne, Kacaniklic schränkt insbesondere das Offensivspiel von Boateng ein. Das Forechecking der Schweden stellt die deutsche Abwehr vor Probleme, ein geordneter Spielaufbau findet kaum noch statt.

Wenn die vordere Fünfer-Reihe Schwedens aber mal überspielt ist, ergeben sich große Räume. So kommt Deutschland in der 56. Minute gegen einen stärker werdenen Gegner zum 4:0 durch Mesut Özil. Spätestens jetzt scheint das Spiel entschieden, der Schlendrian schleicht sich ein. Dann fällt das erste Gegentor. Ärgerlich, aber das passiert halt mal. Dann fällt das zweite Tor. Die Skandinavier wittern Morgenluft und wollen mehr. Von Deutschland kommt nichts mehr und spätestens nach dem 3:4 will die Löw-Elf nur noch die drei Punkte retten. Selbst das gelingt nicht.

 

Deutschland schaut zu

Trotz erstarkter Schweden interpretieren Özil und vor allem Kroos ihre Rollen weiter offensiv. Schweinsteiger muss alleine zu viel Raum bearbeiten. Das nutzt Källström aus und spielt gefährliche Flanken aus dem Halbfeld hinter die Abwehr. So fallen das 1:4 und das 2:4. Beide Male sieht der deutsche Defensivverbund schlecht aus! Durch den nachrückenden Kallström kommt auch Ibrahimovic immer besser ins Spiel. Den Superstar bekommen Mertesacker und Badstuber jetzt kaum noch zu packen. Auch die Zuspiele der schwedischen Außenverteidiger auf "Ibra" werden von Reus, Müller und später Götze nicht unterbunden. Dazu irrt Boateng hilflos umher, wird von Kacaniklic kaltgestellt. Dieser legt dann das 3:4 für Elmander auf.

 

Fehlende Führung an der Linie

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Löw sieht das Unheil kommen, weiß aber keinen Rat. Die Spieler auf dem Platz erreicht er nicht, kann ihnen keine taktischen Anweisungen nahelegen. Dann entschließt er sich Götze für Müller zu bringen. Löw will am Kombinationsspiel festhalten, doch aus der Abwehr kommen kaum noch Bälle nach vorne. Immer wieder bekommt der verunsicherte Neuer den Ball, den er den gegnerischen Innenverteidiger in die Füße spielt. Der zweite Wechsel kommt erst kurz vor Schluss: Podolski ersetzt Reus. Jetzt will er Zeit schinden. Warum er dann nicht das Kontingent ausnutzt bleibt ein Rätsel.

 

Keine Alternativen

Löws Wechsel sind wohl mit mangelnden Alternativen zu erklären. Besonders Khedira wird vermisst und auch die Bender-Zwillinge stehen nicht zur Verfügung. Trotzdem gibt es Möglichkeiten: Beispielsweise hätte Höwedes Boateng ersetzen können oder für Kroos das Zentrum schließen können. In so einer Phase muss eine Mannschaft auch mal dicht machen.

 

Fehlende Führung auf dem Platz

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Ist es nicht die Aufgabe des Chefs oder des Kapitäns die Mannschaft wachzurütteln? Wo sind Lahm, Schweini & Co. in dieser schwierigen Phase? Klar versuchen sie sich gegen die drohende Schande zu wehren, aber es klappt nicht. Und das ist das Phänomen! Toni Kroos spricht den berühmtem Schalter an, den man nicht mehr umlegen kann. Jeder einzelne macht einen Schritt zu wenig, plötzlich gelingt nichts mehr, und das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Die "Typendiskussion" in der Nationalmannschaft geht also in die nächste Runde. Aber ist das so einfach? Könnte ein Team mit Kahn, Effenberg oder Ballack auch so verlieren?

 

Mangelnde Cleverness

Auf jeden Fall müssen besonders die erfahrenen Spieler in solch einer Phase mehr Ruhe bewahren, den Ball in den eigenen Reihen halten, ihn zur Eckfahne tragen, mal ein Foul schinden oder gar eines begehen. Stattdessen wird fast jeder Ball zum Torhüter gespielt und im Anschluss verloren.

Die Deutschen hatten sich in einen Rausch gespielt. Benebelt von ihrem eigenen Offensiv-Zauber haben sie das Spiel im Geiste schon abgehakt. Was aber in 30 Minuten alles passieren kann, hat diese Mannschaft zu spüren bekommen. So etwas erleben Sie nie wieder. Hoffentlich!