Eine Mauer Namens Howard

Gigant im US-Tor: Trotz Tim Howards Rekord reichte es nicht zum Weiterkommen.

Spätestens seit dem Algerien-Spiel sind die Augen der Welt auf DFB-Keeper Manuel Neuer gerichtet. Der "Torwart-Libero" begeisterte mit seinen spektakulären Rettungsaktionen. Doch seit gestern hat er mächtig Konkurrenz: US-Keeper Tim Howard wuchs mit einer Riesenleistung über sich hinaus, trieb Belgiens Offensiv-Abteilung an den Rand der Verzweiflung und knackte ganz nebenbei noch einen 48 Jahre alten WM-Rekord!

Tim Howard, 35 Jahre alt, US-Nationalkeeper, ist ein auf dem Platz eine beeindruckende Persönlichkeit. Allein optisch dürfte der 1,91 Meter große Vollbart-Träger mit seiner grimmigen Optik für Nervenflattern bei gegnerischen Stürmern sorgen. Seit dem Achtelfinal-Spiel gegen Belgien ist der Amerikaner allerdings so etwas wie der personifizierte Stürmer-Schreck. Trotz des Ausscheidens nach großem Kampf dürfte Howard mit seiner 1+ Leistung gegen de Bruyne, Origi und Co. nun neben Manuel Neuer und Mexikos Guilermo Ochoa der Kandidat für den Keeper des Turniers sein. Die USA feiern den Mann mit der ungewöhnlichen Karriere, als hätten sie das Belgien-Spiel für sich entschieden. Der Sieger unter stolzen Verlierern heißt beim Klinsi-Team Tim Howard.

Nicht nur die Qualität seiner Paraden erreichte gegen die "Roten Teufel" Weltklasse-Niveau, auch die Zahlen lesen sich beeindruckend. 16 Torschüsse wehrte der Keeper, der sein Geld beim FC Everton in der Premier League verdient, im Achtelfinale ab – ein Wert, den seit 1966 kein Torwart bei einer WM erreichen konnte. Zweimal allerdings war Howard chancenlos, de Bruyne und Lukaku schafften es, den Mann aus New Jersey zu überwinden, nachdem er zuvor besonders Belgiens Sturmtalent Origi immer wieder abblitzen ließ. Eine ganze Hand voll guter Möglichkeiten ließ Origi liegen, das letzte Wort hatte in diesem Privatduell immer Howard, der von seinem Trainer Jürgen Klinsmann im Vorfeld des Turniers als einer der fünf besten Schlussmännern auf der Welt bezeichnet wurde.

 

Social Web: Howard, ein amerikanischer Held

Klinsmann hatte dafür zunächste wie so oft Belächelung geerntet. Klinsmann kennt das, seine eigene Arbeit wird oft ähnlich kritisch betrachtet. Oft war zu lesen, Klinsmann sei ein Motivator, mehr aber nicht, komme lediglich über die Schiene der Emotion, sei als Fußball-Lehrer allerdings ungeeignet. Vor der WM war er in den USA für seine Aussage "das Finale könne man realisitisch gesehen nicht erreichen" heftig kritisiert worden. Er hats den Kritikern gezeigt und auch mit seiner Aussage über seine Nummer 1 sollte der US-Coach am Ende Recht behalten.

Die Presse in den USA und weltweit überschlägt sich heute mit Lobeshymnen auf Klinsmanns Team, das Kämpferherz der US-Truppe und nicht zuletzt auf: Na klar, Tim Howard. "Goalkeeper Tim Howard rettete 16 Mal, laut der Statistik das meiste bei einem WM-Spiel", schreibt die Washington Post. "Rosige Zukunft trotz Niederlage. US-Fußball ist der große Sieger", heißt es im Miami Herold. Was auch immer im Einzelnen analysiert wurde, die Stimmung um Fußball-Land USA lässt nur einen Schluss zu: Der US-Fußball ist angekommen auf der Bühne WM. Mit riesiger Zuversicht fiebert das Land der nächsten Weltmeisterschaft entgegen. 2018 dann in Russland.

Tim Howard wird dann wohl nicht mehr dabei sein, Jürgen Klinsmann als Trainer wahrscheinlich schon. Und wenn die US-Entwicklung unter dem ehemaligen Bundestrainer weiter so verläuft, dann dürfte das nächste Achtelfinale wieder mit den USA stattfinden und vielleicht auch doch mit Tim Howard. Denn Klinsmann ("Ja, werde ich", auf die Frage, ob er in Russland 2018 auf dern US-Trainerbank sitzen würde) will den US-Fußball weiter voran bringen und in seinem großen Trainer-Team braucht er sicher bald neue Leute. Leute wie Tim Howard!