Waris Dirie fordert in Bravo: "Schützt Mädchen vor Beschneidung!"

"Waris Dirie fordert in Bravo: ""Schützt Mädchen vor Beschneidung!"" "
"Waris Dirie fordert in Bravo: ""Schützt Mädchen vor Beschneidung!"" "

Waris Dirie (44) ist Topmodel, Schriftstellerin, Kinoheldin. Und sie ist die erste Frau, die öffentlich über Genitalverstümmelung spricht. In BRAVO erzählt Waris, warum sie ihr Schweigen gebrochen hat!

Es ist die wahre Geschichte einer mutigen Frau, die jetzt auf DVD erscheint ("Wüstenblume", ab 26.3.). Geboren in der Wüste Afrikas, wächst die kleine Nomadin Waris Dirie im ständigen Kampf ums Überleben auf. Als ihr Vater sie mit einem Mann verheiraten will, der ihr Großvater sein könnte, flieht Waris nach England. Ein Höllentrip durch die Wüste, der sie fast das Leben gekostet hätte. In London wird sie rein zufällig von einem Fotografen entdeckt - der Start in eine Weltkarriere als Topmodel. Doch bei allem Erfolg holen Waris immer wieder die Schatten der Vergangenheit ein. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere bricht sie ein Tabu: In ihrem Buch "Wüstenblume" (1998) erzählt sie erstmals von der grausamen Tradition der Genitalverstümmelung, deren Opfer sie selbst als kleines Mädchen wurde - und von dem immer noch täglich 8.000 Afrikanerinnen betroffen sind. Marthe vom Dr.-Sommer-Team traf Waris Dirie zum Interview in Berlin.

BRAVO: Waris, was denkst du über Familien, die ihre Mädchen

beschneiden lassen?

Waris: Ich verstehe nicht, warum sie das ihren Kindern antun. Das ist verantwortungslos. Nichts an den Mädchen muss geändert werden. Es sind doch gesunde, wunderschöne Wesen.

BRAVO: Wie können Jugendliche den Mädchen helfen, die von FGM (englische Abkürzung für "Female Genital Mutilation" - dt.: Genitalverstümmelung) betroffen oder bedroht sind?

Waris: Das Problem ist: Wenn nur einer aktiv etwas unternimmt, dann kann er nicht viele Probleme auf der Welt lösen. Dann ist er wie ein Hamster im Laufrad. Aber wenn wir gemeinsam für etwas kämpfen, gibt es kein Problem, das wir nicht lösen können. Wir brauchen uns alle gegenseitig. Egal welcher Hautfarbe oder Religion wir angehören. Meine Bitte an die BRAVO-Leser: Wenn Ihr mit Einwanderern in eine Schule geht redet mit ihnen. Tauscht Euch gegenseitig über Eure Kulturen aus. Postet Eure Botschaft gegen Beschneidung im Internet! Sprecht andere direkt auf das Thema an: "Hast du schon den Film 'Wüstenblume' gesehen oder das Buch gelesen? Hast du schon von FGM gehört?"

BRAVO: Es gibt Länder in Afrika, in denen fast jedes Mädchen beschnitten ist. Wie kannst du ihnen trotzdem Hoffnung machen - auf eine schöne Zukunft ohne Ängste?

Waris: Ich sage dem Mädchen: "Gib nicht auf und glaube an dich." Ich weiß, wie viele Hindernisse dir im Weg stehen können und wie oft dir gesagt wird: "Das schaffst du nie!" Ich habe allen das Gegenteil bewiesen. Deshalb: Folge deinem Herzen. Mit Liebe kannst du jedes Problem bewältigen.

BRAVO: Wir haben in der BRAVO mit einem beschnittenen Mädchen gesprochen, dessen Vagina bis auf ein kleines Loch zugenäht war - und das sich jetzt operieren ließ. Dabei wurde die Vagina wieder geöffnet. Findest du das richtig?

Waris: Auch wenn es tragisch ist, aber es muss sein. Wenn ihre Vagina verschlossen wurde, ist der einzige Weg gegen diese grauenhaften Beschwerden, die Scheide öffnen zu lassen. Ich sage jeder Betroffenen: "Mach es. Sonst wirst du den Rest deines Lebens leiden." Wer möchte schon bei der Regel und beim Pinkeln unerträgliche Schmerzen haben? Wie soll das alles passieren, wenn die Vagina zugenäht ist?

BRAVO: Wie kann ein beschnittenes Mädchen wieder ein gutes Gefühl für seinen Körper bekommen?

Waris: Ich sage ihr: "Liebe dich selber, egal was passiert ist. Mit dir ist nichts falsch. Du bist nicht krank und musst dich für nichts schämen. Es ist doch gegen deinen Willen passiert. Es war falsch! Und es tut mir so leid für dich, aber jetzt musst du weiterleben und dich von diesem dunklen Teil deiner Vergangenheit befreien. Der Weg, wie du das erreichen kannst: Achte auf die schönen Dinge deines Lebens und kämpfe für dein Recht. Guck nicht zurück, nur vorwärts."

BRAVO: Jetzt erscheint deine Lebensgeschichte auf DVD. Wie war es für dich, deine ganz persönlichen Erlebnisse auf der Leinwand zu sehen - gespielt von einer Darstellerin, die dir auch noch unglaublich ähnlich sieht?

Waris: Als ich "Wüstenblume" zum ersten Mal sah, ist mir unglaublich viel durch den Kopf geschossen. Aber ich war vor allem stolz. Ich dachte: Wow, das bin ich. Ich bin das kleine traurige Mädchen, das so einen weiten Weg gegangen ist. Der Film bedeutet mir unglaublich viel. Denn er hat genau die Botschaft, die mir so wichtig ist: die Achtung menschlicher Würde.

BRAVO: Eine Filmszene hat mich besonders berührt: Weil deine Freundin Marilyn nicht versteht, was du mit dem Wort "beschnitten" meinst, zeigst du ihr deine beschnittene Vagina. Und dann zeigt sie dir ihre heile. In diesem Moment seht ihr beide euch mit betroffenen Gesichtern und Tränen in den Augen an. Was ging damals in dir vor? Hast du dich geschämt?

Waris: Wieso? Eine Vagina ist doch etwas Wunderschönes! Es gibt also keinen Grund, sich zu schämen. Wir alle kommen ja aus einer Vagina (lacht). Nein, es war nicht peinlich. Ich war nur so unendlich traurig. Denn in diesem Moment wurde mir erst klar, dass die Verstümmelung der Vagina NICHT normal ist, dass es nicht das Schicksal aller Mädchen ist. Oh Gott, ich war so enttäuscht, wütend und verletzt. Das war der Moment, an dem ich entschieden habe: Ich muss etwas dagegen tun.

BRAVO: Du kämpfst seit über zehn Jahren mit aller Kraft gegen weibliche Genitalverstümmelung - versuchst, mit deiner Waris Dirie Foundation diesem Wahnsinn ein Ende zu setzen . . .

Waris: Ja, junge Menschen wollen die Wahrheit wissen. Ich bekomme Tausende Mails von ihnen aus der ganzen Welt. Und ich liebe sie dafür! Sie sind so motiviert. Das motiviert wiederum mich, wenn ich morgens aufstehe. Ich setze mich für die Zukunft der Jugendlichen ein. Und für meine zwei Söhne. Weil ich an sie glaube!

BRAVO: Woher nimmst du all diese Energie?

Waris: Alles, was ich tue, mache ich mit der Kraft der Liebe. Das ist meine Waffe, und sie ist sehr stark. Sie ist magisch, weil sie niemanden verletzt, aber das Richtige bewirkt. Würde ich nicht gegen dieses Unrecht kämpfen, hätte ich das Gefühl, mein Leben zu verschwenden.

BRAVO: Unterstützen dich denn die Politiker in deinem Kampf gegen Genitalverstümmelung?

Waris: Nein, nicht genug! Denn sie kümmern sich einfach zu wenig darum. Sie machen ihren Job nicht gut, und das frustriert mich fürchterlich. Ich erwarte von ihnen, dass sie Gesetze gegen Beschneidung in allen Ländern der Welt erlassen und Täter bestrafen. Es ist ihre verdammte Pflicht, Mädchen vor Genitalverstümmelung zu schützen!

BRAVO: Was wünschst du dir von den BRAVO-Lesern?

Waris: Liebe und Respekt! Damit lässt sich alles erreichen.

» Wie ein beschnittenes Mädchen leidet!