Mobbing! Und wie du dich schützen kannst!

Dr. Sommer-Spezial: "Heute ist Kevin-Tag!" Mobbing!
Dr. Sommer-Spezial: "Heute ist Kevin-Tag!" Mobbing!

Als Polizisten ihn finden, kauert Kevin an dem Zaun vor seiner Schule - mit Springseilen gefesselt und überall mit Hundekot beschmiert. Aus Angst vor seinen Peinigern will Kevin zunächst nicht verraten, wer die Täter waren. Er fürchtet ihre Rache. Glücklicherweise lassen die Polizisten vor Ort das nicht auf sich beruhen. Sie fragen beharrlich genauer nach: bei Kevin, seinen Eltern, bei den Mitschülern, deren Eltern und auch bei den Lehrern.

Niemand will anfangs mit der Wahrheit und seinem Wissen darüber rausrücken. Keiner will sich schließlich vorwerfen lassen, davon gewusst und nichts dagegen getan zu haben. Doch Dank vieler Nachfragen kam es doch raus: Kevin wird schon seit Wochen von Mitschülern systematisch fertig gemacht. Und die Täter stellten Bilder und Filme von ihren Taten sogar ins Netz, um sie mit allen zu teilen. Was für eine Erniedrigung!

Mit dem Aufruf „Donnerstag ist Kevin-Tag!“ verabreden sich Schüler im Netz, um sich wieder und wieder zusammen zu tun und Kevin an jedem Donnerstag erneut fertig zu machen. Wie sehr muss der Junge gelitten haben, wenn er am Donnerstagmorgen zur Schule ging!?

Zu viel Zeit ist vergangen, bis sich Kevin jemandem anvertrauen konnte und ein Ausweg aus seiner Situation gefunden wurde. Er musste weg von dem Ort, wo all das passiert ist. Der Junge ist jetzt an einer anderen Schule und hat lange gebraucht, um sich wieder sicher und selbstbewusst zu fühlen. Viele Gespräche mit Fachleuten waren nötig, um Kevin innerlich wieder aufzurichten.

 
 

Hilfe und Tipps vom Fachmann im Interview!

Einer, der Kevin aus dieser für ihn ausweglosen Situation herausgeholfen hat, ist Jens Mollenhauer. Er ist Zivilcouragetrainer und hat ein Buch für Kinder über Gewaltvermeidung geschrieben. Seit über 20 Jahren engagiert er sich für ein friedliches Miteinander unter Schülern. Gewaltprävention nennt sich das, wenn sich jemand wie Mollenhauer dafür einsetzt, dass Mobbing und andere Arten der Gewalt gar nicht erst passieren. Um diesem Ziel näher zu kommen, hält er Vorträge und Seminare vor Lehrer und Eltern. Und er geht in Schulklassen, um persönlich mit Schülern über das Thema zu sprechen.

Wir wollen vom Experten wissen, was er an Schulen erlebt, was man tun kann, wenn man von Mobbing betroffen ist und wie Schüler anderen zur Seite stehen können, die bedrängt werden. Los geht’s:

Aufeinander zugehen und vertragen!
Aufeinander zugehen und vertragen!

 

BRAVO.de: Herr Mollenhauer, wo hört für Sie normales Ärgern auf und wo beginnt Gewalt, gegen die etwas getan werden muss?

Mollenhauer: Wenn wir geärgert werden fühlen wir uns persönlich angegriffen, verletzt, gekränkt oder nicht ernst genommen - entweder durch Worte oder ein bestimmtes Verhalten. Dann kann man sich als Opfer von Gewalt fühlen. Das gehört aber zum Leben und jeder muss lernen, sich in solchen Situationen zu behaupten, wieder aufeinander zuzugehen und sich zu vertragen. Streiten ist normal und in Ordnung. Sich dabei ärgern heißt aber nicht immer gleich: „Ich werde gemobbt“.

BRAVO.de: Wann ist es dann Mobbing?

Mollenhauer: Ich sehe das so: Was jemand unter Gewalt oder Mobbing versteht, bestimmt im Einzelfall immer das Opfer. Denn jeder hat seine ganz eigene Grenze…. In der Regel wird beim Mobbing jemand über längere Zeit an Körper und oder Seele verletzt.

BRAVO.de: Welche Arten von Mobbing und Gewalt begegnen ihnen in ihrer Arbeit am häufigsten?

Mollenhauer: Sowas wie bei Kevin begegnet mir zum Glück nicht so oft. Aber am häufigsten habe ich mit dem sogenannten Cybermobbing und körperlicher Gewalt im Verlauf direkter Streitigkeiten zu tun.

BRAVO.de: Was hilft, wenn man von anderen bedrängt oder beschimpft oder gar geschlagen wird?

Mollenhauer: Auf jeden Fall nicht verschweigen. Das macht es nur schlimmer. Mobbing muss man öffentlich machen. Und das geht ganz unterschiedlich. Erst mal ist es wichtig, andere einzubeziehen. Das können Freunde oder Mitschüler und natürlich auch die Eltern oder andere Vertrauenspersonen sein. Ein Gespräch mit ihnen kann oft schon helfen. Wenn das nicht genügt, sollten Lehrer oder auch die Polizei einbezogen werden. Und es gibt Beratungsstellen für Opfer von Mobbing.

BRAVO.de: Was kann ich selber aktiv tun, wenn andere mich fertig machen wollen?

Mollenhauer: Jeder kann gewaltfreien Umgang mit Gefühlen und auch gewaltfreie Reaktionsmöglichkeiten auf Provokationen lernen. Zum Beispiel, auf Beleidigungen nicht zu antworten oder aggressivem Verhalten aus dem Weg zu gehen. Dazu ist es wichtig, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und zu erkennen, wann eine Situation riskant ist oder werden könnte. Wenn mir das gelingt, kann ich rechtzeitig ausweichen, mir Hilfe holen oder auch selber deutlich sagen: "Ich will nicht, dass du mir das sagst."

BRAVO.de: Wie kann ich anderen helfen, die fertig gemacht werden?

Mollenhauer: Jeder muss sich ehrlich fragen: Kann ich das oder bring ich mich dann selber in Gefahr? Bevor ich mich selber gefährde, hole ich besser Hilfe und rufe zum Beispiel einen Lehrer oder auch die Polizei, statt mich aktiv in einen Konflikt einzumischen. Sinnvoll ist dabei immer, im Auge zu haben, was das Opfer braucht und was es will, statt gegen die Täter anzugehen.

BRAVO.de: Was glauben Sie, warum so viel gemobbt wird?

Mollenhauer: Es gibt so viele Menschen, die nicht gelernt haben, wie sie ihrem Ärger gewaltfrei Luft machen oder Konflikte mit Worten lösen können. Und viele Menschen haben leider auch kein Gespür für die Grenzen anderer. Es sind aber auch Sendungen wie DSDS, die Mobbing verstärken nach dem Motto: "Wer als Amateur auf die Bühne des Lebens geht, hat selbst schuld, wenn er fertig gemacht wird."

BRAVO.de: Warum wird dadurch mehr gemobbt?

Mollenhauer: Weil dort darüber gelacht wird, wenn andere fertig gemacht werden. Persönlichkeitsrechte werden nicht beachtet. Doch weil es im TV läuft, denken viele, es ist okay. Dabei geht das oft viel zu weit. Bei solchen Sendungen wird deutlich: Jeder kann zum Opfer werden.

Die Erwachsenen sind hier gefragt, den Kindern und Jugendlichen Zeit, Zärtlichkeit und Zuneigung zu schenken, um die Persönlichkeit ihrer Kinder und ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Das hilft in vielen Situationen, eine gute Lösung für Konflikte zu finden.

Adressen für Opfer von Mobbing und Cybermobbing:

www.polizei-beratung.de

www.klicksafe.de

www.juuuport.de

Bemerkung zum Artikelbild: Das Bild ist nachgestellt und zeigt nicht Kevin!